Haben Sie ein Kind, das die anderen Kinder auf dem Spielplatz aus der Ferne beobachtet, sich beim Geburtstag am Bein der Mutter festklammert und sich in der Klasse nicht traut, die Hand zu heben? Vielleicht tut Ihnen das Herz weh, und Sie fragen sich sogar: „Mache ich etwas falsch?" Atmen Sie zunächst tief durch: Schüchternheit ist kein Problem, das behoben werden muss. Sie ist nur das Zeichen eines Wesens, das die Welt vorsichtig und beobachtend entdeckt. Ihre Aufgabe ist es nicht, Ihr Kind zu verändern, sondern ihm einen warmen Raum zu öffnen, in dem es in seinem eigenen Tempo Selbstvertrauen gewinnen kann.
Sehen Sie Schüchternheit nicht als Makel
Wenn Sie in Gegenwart Ihres Kindes sagen „Er ist sehr schüchtern", heften Sie ihm damit ungewollt ein Etikett an. Kinder verinnerlichen, was wir über sie sagen, und beginnen mit der Zeit, sich diesem Etikett entsprechend zu verhalten. Beschreiben Sie stattdessen das Verhalten, ohne es zu bewerten: „Wenn du an einen neuen Ort kommst, brauchst du ein bisschen Zeit, und dann entspannst du dich, nicht wahr?" Dieser Satz lässt Ihr Kind sich verstanden fühlen und flüstert ihm zugleich zu, dass Schüchternheit nicht von Dauer, sondern nur ein vorübergehender Zustand ist.
Denken Sie außerdem daran, dass beobachtende Kinder oft echte Stärken haben: Sie sind aufmerksam, können sich einfühlen und treffen keine überstürzten Entscheidungen. Diese Eigenschaften zu erkennen und laut zu würdigen, verändert das Selbstbild Ihres Kindes.
Gehen Sie ohne Druck in winzigen Schritten voran
Sozialkontakt ist nichts, was man auf einen Schlag lernt; wie ein Muskel wird er durch wiederholtes Üben stärker. Statt zu sagen „Los, spiel mit deinem Freund", machen Sie die Schritte kleiner. Nehmen Sie sich zum Beispiel vor, dass es an der Kasse nach einer Tüte fragt, dem Nachbarn „Guten Morgen" sagt oder am Telefon zwei Sätze mit der Oma wechselt. Jeder kleine Erfolg sammelt Mut für den nächsten Schritt.
Für ein schüchternes Kind erfordert ein „Hallo" genauso viel Mut wie für ein anderes Kind der Auftritt auf einer Bühne. Messen Sie die Größe des Sieges mit den Augen Ihres Kindes.
Zwingen Sie Ihr Kind niemals, vor anderen zu sprechen. Der Druck „Sag dem Onkel deinen Namen" verstärkt meist nur die Blockade. Seien Sie stattdessen selbst das Vorbild; Ihr Kind lernt den sozialen Rhythmus, indem es Ihnen zusieht.
Üben Sie zu Hause im sicheren Rahmen
Neue Situationen sind das, was schüchterne Kinder am meisten fordert, denn nicht zu wissen, was passieren wird, erzeugt Angst. Deshalb können Sie soziale Momente vorher gemeinsam „proben". Bevor Sie zum Geburtstag gehen, spielen Sie mit Spielzeug ein kleines Szenario nach: „An der Tür empfängt dich Ali, und du kannst ihm dann das Geschenk geben." Ein vertrauter Plan nimmt dem Unbekannten die Angst.
Ruhige Aktivitäten Seite an Seite sind ebenfalls eine wunderbare Brücke für zurückhaltende Kinder. Etwas Schulter an Schulter zu gestalten, ohne sich in die Augen sehen zu müssen, entspannt sie. Ein Maltisch bei einem Spieltreffen lässt die Kinder sich ohne den Druck eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht auf dieselbe Sache konzentrieren; schon bald entsteht der erste Kontakt ganz von selbst mit einer Frage wie „Welche Farbe nimmst du?" Auch Werkzeuge wie Color the Picture, mit denen Ihr Kind sein eigenes Foto in eine Malvorlage verwandeln kann, können zu Hause eine schöne, druckfreie Gesprächsatmosphäre schaffen.
Schaffen Sie sanfte Übergänge in soziale Situationen
Volle, laute Umgebungen können für ein schüchternes Kind überwältigend sein. Statt es in eine Gruppe von zehn Kindern zu werfen, planen Sie kleine Treffen, die mit einem einzigen Freund beginnen. Das Spiel zu zweit ist der sicherste Boden, auf dem sich ein Kind entspannt öffnen kann.
Auch früh an einem neuen Ort einzutreffen, hilft. Wenn sich ein Kind an die Umgebung gewöhnt, bevor sie sich mit anderen füllt, fühlt es sich wie der „Gastgeber" und empfängt die Ankommenden gelassener. Lassen Sie ihm außerdem immer einen „rettenden Hafen": „Wenn du müde wirst, kannst du zu mir kommen und dich ein wenig ausruhen." Ein Kind, das weiß, dass es sich zurückziehen kann, wird paradoxerweise mutiger.
Warten Sie geduldig und feiern Sie die kleinen Siege
Der Fortschritt wird nicht geradlinig verlaufen. Ihr Kind, das an einem Tag mitten in der Gruppe lacht, kann sich in der nächsten Woche wieder in die Ecke zurückziehen. Das ist kein Rückschritt, sondern ein natürliches Auf und Ab. Wichtig ist, dass Sie jeden Schritt bemerken, den es macht.
Wenn Sie nach Hause kommen, formulieren Sie Sätze, die die Mühe loben, nicht das Ergebnis:
- „Ich habe heute gesehen, wie du Elif dein Spielzeug hingehalten hast – das war sehr schön."
- „Einem neuen Kind seinen Namen zu sagen, erfordert Mut, und du hast es getan."
- „Du bist in dem Moment zu mir gekommen, als du nicht mehr wolltest – das war sehr klug."
Auch kleine Momente des Stolzes – etwa ein von Ihrem Kind gemaltes Bild an den Kühlschrank zu hängen oder in einer digitalen Galerie zu zeigen – nähren sein Gefühl von „Ich kann das". Denken Sie daran: Schüchterne Kinder öffnen sich nicht, wenn man sie drängt, sondern wenn sie sich sicher fühlen. Solange Sie ihm weiterhin diesen sicheren Hafen bieten, wird Ihr Kind zu seiner eigenen Zeit und mit einem bleibenden Selbstvertrauen aus seinem Schneckenhaus kommen.